Macher

50 Jahre Spielzeugmuseum Nürnberg

Spiel als Dialog mit der Welt
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Ein neuer roter Faden soll das Haus auf eine Weltebene heben 

Dr. Karin Falkenberg hält Baustellenschild, das einen Teddy zeigt.
Dr. Karin Falkenberg, Museumsleiterin, Foto: Berny Meyer

2014 wurde Dr. Karin Falkenberg als Nachfolgerin von Helmut Schwarz neue Museumsleiterin. Von Beginn an war klar, dass das in die Jahre gekommene Haus einen größeren Umbau benötigt. Doch auch konzeptionell verfolgt die Historikerin, die u.a. Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Europäische Ethnologie studiert hat, einen neuen Ansatz: „Das bisherige Museum bildet die Geschichte des Spielzeugs wissenschaftlich korrekt ab, Spielzeug-Experten lieben das. Will man das Haus für Publikum, für Besucher aus aller Welt, auch für Kinder weiter öffnen, ist ein ganz anderer Ansatz, ein roter Faden, eine neue Erzählung nötig“, erläutert sie selbstbewusst. Gerade die „Ethnologie“, die menschliche Lebensweisen der Gegenwart und der Geschichte weltweit untersucht, liefert ihr dafür eine Blaupause. 

„Das Spielzeugmuseum ist ein Weltmuseum. Es erzählt künftig davon, was für das Leben aller Menschen auf unserer Welt wichtig ist“, diese Kernthese hat sie aus der Betrachtung der Funktion des Spielens an sich entwickelt. Der Mensch erobert die Welt gleich nach der Geburt als „spielendes Wesen“, und auch wenn die Methoden und die Spielzeuge sich ändern, so bleibt dies doch ein Leben lang eine Triebfeder „die so selbstverständlich ist, dass es uns gar nicht immer bewusst wird“.  „Spielzeug ist Emotion“, und „Spielen ist der Antrieb der Welt“, diese beiden Narrative sollen die neuen „Ausstellungsinseln“ – zunächst im 2021 renovierten Erdgeschoss – leiten. 

Raus aus den Vitrinen: Große Themeninseln sollen Spielzeug-Welten intuitiv erfassbar machen 

Die Coronazeit hat das Museumsteam für intensives Planen genutzt: Christiane Reuter, Urs Latus, Mascha Eckert und Karin Falkenberg kommen aus ganz unterschiedlichen Museumstraditionen. Gemeinsam wurde nun der neue, große Wurf geplant und durchdacht, der zunächst im Parterre umgesetzt wird. Das neue Erdgeschoss, das nun für insgesamt (nur) eine Million Euro komplett renoviert wird, dazu gehören auch der Brandschutz und die moderne Klimaanlage, soll sofort als „Willkommensraum“ identifizierbar sein. „Näher an den Menschen“ wird als sinnlich erfahrbare Spielzeugwelt neu inszeniert. Gleichzeitig gilt das Entrée als Appetizer für das ganze Museum. Wer jetzt um seine vertrauten Lieblinge, um wunderbare Exponate von Nürnberger Holz- und Blechspielzeug, Puppen oder Stofftiere bangt, muss sich keine Sorgen machen: „Die Objekte sind und bleiben die Stars im Museum“, lächelt Karin Falkenberg. Doch sie werden in neuen Kontexten gruppiert, andere Geschichten erzählen, Geschichten von menschlichen Gefühlen, vom Leben, Lieben, von Sehnsüchten, die lokale Grenzen oder historische Epochen nicht kennen, weil sie universell sind. 

Und wo bleibt die Spielzeugstadt Nürnberg? 

In der Wahrnehmung der Museumsmacher ist die historische Spielzeugstadt Nürnberg, die jahrhundertealte Wirtschafts- und Sozialgeschichte, den meisten Museumsbesuchern nicht mehr präsent. Sie wird deshalb nicht als wissenschaftliche Forschungsreise erzählt, sondern als Erlebnis präsentiert. Ein eigener Themenbereich illustriert dies – er ist „Spielzeugstadt“. Als Kulisse dienen Holzbauten ebenso wie Elemente aus zeitgenössischen Lego- und Playmobilwelten. Auch hier gilt die Prämisse: „Komplexe Inhalte sollen sinnlich und intuitiv erfassbar und begreifbar sein“ – das Museum gibt die Distanz zum Besucher preis, das Erhabene wird zum Anschaulichen und Botschafter großer Gefühle. „Witz und Mut zeichnen die neue Spielzeugwelt aus“, strahlt Falkenberg – gerne bereichert durch das „Spiel mit Klischees. Butzenscheiben- oder Bratwurststadt werden spielerisch aufgegriffen und Dürers Rhinozeros blinzelt frech ums Eck.“ 

Modernes Museumsdesign als Botschafter der großen Erzählung 

Mit in Vitrinen verschlossenen historischen Spielzeugen ist der radikal neue, emotionale Erzählansatz nicht darstellbar. Zwar werden wenige Vitrinen – auch aus baulichen Gründen – weiterhin Erzählmomente bieten. Doch insgesamt ist die Öffnung der Schau ein Mittel um ein „emotionales Weltmuseum“ entstehen zu lassen. Impulse lieferte das Istanbuler „Museum der Unschuld“, das auf einem Roman von Literaturnobelpreisträger Orhan Parmuk beruht. Es bietet gleichzeitig Romanfiktion und bildet die Alltagskultur Istanbuls der 70 er Jahre ab. Welch‘ ein mutiger Spagat! Anregungen für „sein“ Haus holte sich Pamuk, indem er in München die Alte Pinakothek besuchte, das Museum der Dinge in Berlin und das Bagatti-Valsecchi-Museum in Mailand. Die Ausschreibung für die Nürnberger Museumsgestaltung gewannen die Architekten Sunder-Plassmann aus Kappeln, knapp 50 Kilometer östlich von Flensburg. Sie waren nicht nur die Gestalter des Istanbuler Museums, ihre Projektseite liest sich wie ein Who is who der bedeutendsten Museen Deutschlands. Spannend – nicht wahr? Im Dezember 2021 soll der erste Teil des neuen Nürnberger Spielzeugmuseums für die Besucher öffnen.

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Über den Autor

Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form