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Digitale Dynamik für den Dialog der Modellbauer mit Online-Events

Die von einem indischen Modellbauer geschaffene Jeep-Miniatur ist neben einem seltenen Metallbaukasten von 1906 zu sehen, der einem Sammler aus Kanada gehört. Und die komplizierte astronomische Uhr, gebaut von einem australischen Horologie-Fan, korrespondiert mit dem Kran eines deutschen Ingenieurs sowie dem ganzen Fuhrpark von Nutzfahrzeugminiaturen, die der britische Konstrukteur Terry Pettitt gebaut hat: Lastwagen, Traktoren, Busse und Bulldozer, dazu sorgen Motorräder für mobile Leichtigkeit im Display.

Alles wie immer also beim Welttreffen der Fans des Metallbaukasten, das jährlich in Skegness an der englischen Ostküste stattfindet und das traditionsreiche Hobby mit internationalem Flair verbindet? Nein, alles ist ganz anders im Corona-Jahr 2020. Denn die eigentliche Ausstellung, deren Schwerpunkt das in England erfundene Konstruktionssystem Meccano bildet, wurde aus Hygienegründen abgesagt – ebenso wie regionale Shows.

 Doch dann hatte Ellis Cory, britischer Ingenieur im Ruhestand, eine Idee: „Aus verschiedenen Foren hatte ich von der Idee gehört, etablierte Modellausstellungen virtuell möglich zu machen. Und weil so viele Menschen in unserem Hobby traurig über die Absage der Treffen waren, schlug ich die ‚Virtual World Meccano Show‘ an einem Wochenende im Juni vor“. Ausgetragen wurde die Schau auf der Plattform des Forums www.nzmeccano.com.

Plötzlich Lockdown

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben ab März 2020 die gesamte Modellbaubranche schwer getroffen, wirtschaftlich stellten die Einschränkungen Hersteller und Händler vor erhebliche Probleme. Als die ersten Geschäfte für das Publikum schließen mussten, sah auch Sebastian Topp dringenden Handlungsbedarf. Der 37 Jahre alte Diplomkaufmann ist Geschäftsführer und Mitinhaber des Modellbauherstellers Noch in Wangen. „Aus der schwierigen Situation wurde die spontane Idee geboren, unsere Handels- und Endkunden aktiv mit einem neuen Format anzusprechen, um trotz des plötzlichen Lockdowns in Kontakt zu bleiben“, berichtet Topp.

So entstanden die „Corona Chronicles“ auf Instagram und Youtube mit dem Hashtag #nochworldwide als quicklebendige und bunte Social-Media-Serie. „In einer Zeit, die von unglaublicher Verunsicherung geprägt war, haben wir die Händler und die Endkunden mit unseren täglichen Beiträgen begeistern können“, freut sich der Unternehmer. Gerade die Spontaneität des Formats (Topp: „wir konnten viel ausprobieren, ohne dass uns das jemand krumm genommen hätte“) kam beim Publikum gut an. „Nach einigen Folgen haben die Kunden mittags schon E-Mails geschrieben, wann denn die nächste Folge kommt“, berichtet Sebastian Topp.

Persönlich hat ihn in dieser Zeit vor allem „Die gegenseitige Teilnahme von Menschen aus der ganzen Welt“ begeistert, sagt der Noch-Geschäftsführer. Die Beiträge kamen nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum, sondern bis aus Singapur und Brasilien. „Das war für mich auch ganz persönlich ein Lichtblick in einer sehr schwierigen Zeit“.

NOCH Modellbau | Corona Chronicles Vlog 1

Etablierte Ausstellungen in den virtuellen Raum erweitern

Ähnlich erging es den weltweit vernetzten Technikmodellbauern: „Das Echo war positiv und groß“, sagt Bob Thompson. Der ehemalige Telekommunikationsingenieur hat den Upload der Bilder für die „Virtual World Meccano Show“ in eine Webgalerie koordiniert, die als digitaler Ausstellungssaal diente. Teilnehmen konnte, wer an den beiden Tagen ein Foto seines Modells mit Informationen einsandte: „Mehr als 350 Bilder von 71 Teilnehmern kamen so zusammen“, listet Thompson zufrieden auf. Für die Zukunft kann er sich vorstellen, dass die weltweit vernetzte Gemeinde der Metallbaukasten-Fans ähnliche Online-Ausstellungen an konkreten Daten weiterhin nutzt.

„Da sind tolle Bilder zu sehen gewesen“, sagt auch der 84 Jahre alte Modellbauer Terry Pettitt über die virtuelle Schau. Dem Hobby ist er treu, seit er im Alter von vier Jahren einen Meccano-Baukasten geschenkt bekam. Nach der improvisierten Premiere gibt es aber auch noch Optimierungspotenzial für das Format bei zukünftigen Ausgaben. Wie wäre es beispielsweise mit Fotos echter Tisch-Displays, die sonst die Besucher realer Ausstellungen staunen lassen und zum Dialog einladen, schlägt Ellis Cory vor.

Mittlerweile finden die ersten realen Meccano-Shows im Vereinigten Königreich mit den entsprechenden Hygienekonzepten wieder statt. Auch Noch hat den Lockdown gut überstanden, am 6. Juli lief die letzte Folge der „Corona Chronicles“ zur Wiedereröffnung des eigenen Ladengeschäftes. Von den Erfahrungen der intensiven Kommunikation in den sozialen Medien will Topp auch künftig profitieren. „Ich denke, Noch wird wieder eine ähnliche Serie starten“, sagt der Geschäftsführer. Allerdings dann mit leicht anderen Rahmenbedingungen: nicht täglich, sondern eher alle zwei bis drei Tage, außerdem „mit genauso viel Spontaneität, aber etwas weniger Slapstick“.

Sendeplan für den Youtube-Stream der Klemmbaustein-Community

Insgesamt hat die Welt des Modellbaus und der Konstruktionsspielzeuge während der Corona-Pandemie bisher von den digitalen Formaten sehr profitiert. Dabei kommt dem Hobby zugute, dass es bereits in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht hat. Das zeigte sich besonders deutlich in der Lego-Gemeinschaft. Deren Initiative „Building Bricks for Happiness“ mit virtuellen Fan-Talks und „Klemmbaustein-Stammtischen“ lief von Mitte März bis Ende Mai 2020.

Das Format: Gemeinsam im Youtube-Stream bauen und sich über das liebste Hobby austauschen, sogar richtige Sendepläne gab es dafür. Mit dabei waren zahlreiche Lego-Experten und Klemmbaustein-Youtuber. Der sowieso schon intensive Austausch der Community über die sozialen Medien hat sich mit diesem Format noch einmal gefestigt.

Modellbahner im Netz

Zufrieden war auch die englische Modellbahnwebsite „World of Railways“ mit ihrem Beitrag zum digitalen Austausch in der Corona-Zeit: Im Juli 2020 fand erstmals die virtuelle Modellbahn-Ausstellung „World of Railways Virtual Exhibition“ statt – mit moderierten Live-Publikationen der Beiträge. Mehr als 100.000 Besucher folgten dem Spektakel ganz oder in Teilen – „das waren mehr, als je eine echte Ausstellung unseres Hobbys im Vereinigten Königreich besucht haben“, freuen sich die Organisatoren im Rückblick. Und deshalb geht es weiter: Anfang September fiel die Entscheidung, die zweite Ausgabe der Ausstellung am 7. und 8. November folgen zu lassen: „The biggest virtual model show is back!“

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