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Microchip-Mangel: Auswirkungen auf die Spielwarenindustrie

Die globale Krise trifft die unterschiedlichsten Branchen und macht auch vor der Spielwarenindustrie nicht halt
Header Der Microchip-Mangel hat Auswirkungen auf die Spielwarenindustrie

Während der Pandemie orderte die Automobilbranche weniger Chips – und in einem Auto können schon einmal 1.000 Microchips verbaut sein – und in der Folge begannen die Halbleiterproduzenten, ihre Produkte an die Hersteller von Unterhaltungselektronik zu liefern. Als es dann Ende 2020 bei den Automobilunternehmen wieder aufwärts ging, gab es nicht genügend Chips im Markt und viele Autohersteller mussten ihre Produktion herunterfahren oder sogar ganz einstellen. Gleichzeitig erreichte die Knappheit auch andere Branchen.

Produktionsstandorte in Asien

Während 1990 noch 37% aller Microchips in amerikanischen Fabriken produziert wurden, waren es 2020 nur noch 12%. Die Produktion hatte sich nach Asien und hier besonders nach Taiwan, Südkorea und China verlagert. Die Lieferketten in der Chipbranche sind lang: Alleine die Herstellung eines Chips in einer Halbleiterfabrik nimmt drei Monate in Anspruch. Danach dauert es noch mehrere Monate, bis dieser Chip in einem Motor oder Lautsprecher verbaut ist, und bis der Endverbraucher das Produkt schließlich in den Händen hält, sind noch einmal ein paar Monate vergangen. Im Februar 2021 waren die Order-to-Delivery-Zeiten auf noch nie dagewesene 15 Wochen gestiegen, im März 2022 waren es dann schon 26,6 Wochen, nachdem die neuerlichen Lockdowns in China und ein Erdbeben in Japan die Lieferketten noch weiter durcheinandergebracht hatten.

Aufnahme einer Chip-Maschine während der Produktion
Der Aufbau einer neuen Chipfabrik dauert Jahre.

Der Bau einer Chipfabrik nimmt Jahre in Anspruch

Der von der US-Regierung im April 2021 verabschiedete Plan zur Verbesserung der amerikanischen Infrastruktur ist 2 Billionen Dollar schwer - 50 Milliarden davon sind für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Halbleiterbranche vorgesehen. Im Juni 2021 wurden mit Verabschiedung des Innovation and Competition Act weitere 52 Milliarden Dollar oben draufgepackt. Einen Monat später gab die Europäische Kommission den Startschuss für die Industrieallianz für Prozessoren und Halbleitertechnologien, mit der sichergestellt werden soll, dass Europa über ausreichend Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten verfügt, um topmoderne Chips zu produzieren und gleichzeitig seine strategische Abhängigkeit zu verringern. Dafür soll der europäische Anteil an der globalen Halbleiterproduktion bis 2030 auf 20% steigen.

Eigentlich hätte man schon früher erkennen müssen, dass Microchips von strategischer Bedeutung für die Wirtschaft sind. Der Bau einer Chipfabrik dauert Jahre. Der weltweit größte Auftragsfertiger für Halbleiterprodukte ist die 1987 gegründete Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC). Kein anderes Unternehmen liefert mehr Chips an die Automobilbranche, die allerdings nur 3% der Umsätze ausmacht. Apple dagegen kommt auf mehr als 20%. TSMC ist 550 Milliarden Dollar wert und steht für mehr als die Hälfte aller in Auftrag gefertigten Chips und 90% der neuesten, nur 5 Nanometer großen Halbleiter. Für jede Innovation, die zu einer geringeren Chipgröße und höherer Performance führt, muss die Fabrik mit der neuesten Generation an fotolithografischen Maschinen ausgerüstet werden. Diese Maschinen werden von der niederländischen ASML Holding hergestellt und kosten ca. 175 Millionen Dollar pro Stück. Gegenwärtig können nur TSMC und Samsung Electronics Chips mit einer Größe von 5 Nanometern herstellen. Allerdings hat man bei TSMC bereits 100 Milliarden Dollar für einen Fünfjahreszeitraum in die Hand genommen, um im Süden Taiwans eine Fertigungsstätte für 3-Nanometer-Chips zu errichten, die noch dazu 15% schneller produzieren und dabei weniger Strom verbrauchen soll.

Für neue Hersteller besteht die Herausforderung nicht nur darin, dorthin zu kommen, wo Taiwan heute bereits steht und der mengenmäßig bald größte Chiphersteller China 2025 sein wird - sondern auch, in der Zukunft mit diesen beiden Ländern mitzuhalten. Die Entwicklung bei der Chipproduktion verläuft nicht linear: ein 3-Nanometer-Prozessknoten kostet mehr als ein 5 Nanometer großer und man kann nicht einfach einen Prozessknoten überspringen.

Nahaufnahme einer Elektronik-Leiterplatte mit Mikro-Chip im Mittelpunkt
Ein Grund für die Chipknappheit ist die fortschreitende Digitalisierung.

Unterschätzte Nachfrage

Es ist also keine Überraschung, dass der Chipmangel auf viele Branchen durchschlägt und dass dieses Problem auch in absehbarer Zukunft bestehen bleiben wird. Zu dem Quasi-Monopol, das Asien hier innehat, kommen noch andere Faktoren erschwerend hinzu: die Nachfrage wurde sträflich unterschätzt und wird durch den immer stärkeren Einzug des Internets der Dinge noch größer werden: Computer-Clouds, der 5G-Standard und andere neue Applikationen brauchen alle Unmengen von Chips. Außerdem ist die Produktion von Anlagen, die zur Chipherstellung benötigt werden, durch Lieferengpässe ins Stocken geraten. Im April 2022 wies TSMC nicht zum ersten Mal darauf hin, dass die Kapazitäten über das gesamte Jahr 2022 knapp am Limit sind, und ein großer Chiphersteller aus China soll schon seine gesamten Fertigungskapazitäten für 2023 verkauft haben.

Im April gab der CEO von ASML Peter Wennink bekannt, dass ein führender Industriekonzern Waschmaschinen aufkaufen würde, um die darin befindlichen Chips auszubauen und für die eigene Produktion zu verwenden. Das zeigt, wie ernst die Lage immer noch ist.

Portrait von Penélope Ferre Vicedo vor dem Stand von miniland
Penélope Ferre Vicedo, Vertriebschefin bei Miniland: „Wir mussten Produkte ändern oder uns neue Lieferanten suchen.“

Auch viele Spielzeuge brauchen Chips

Natürlich trifft der Chipmangel nur bestimmte Spielzeugproduzenten. Wir haben uns in den letzten Monaten bei international aufgestellten Unternehmen diesbezüglich umgehört.
Im Dezember 2021 erklärte ein Sprecher des deutsch-österreichischen Carrera-Revell-Konzerns, dass man Schwierigkeiten habe, die benötigten Chips aufzutreiben und folglich höhere Preise bei gleichzeitiger Vorauszahlung schlucken müsse. Außerdem habe man die Vorlaufzeiten in der Produktion verlängert und sogar auf Chips zurückgegriffen, die für die herzustellenden Produkte eigentlich viel zu ausgefeilt seien. Bei Carrera-Revell rechne man damit, dass die Knappheit auch 2022 weitergeht, so der Sprecher.

Im März 2022 erklärte die Vertriebsleiterin des spanischen Unternehmens Miniland Penélope Ferre Vicedo, dass alle Babyprodukte mit elektronischen Komponenten große Probleme bereiten: „Für bestimmte Artikel mussten wir das Produkt ändern oder uns andere Lieferanten suchen. Die Lage ist wirklich schwierig.“

Portrait von Renzo Gentile mit Bällen im Hintergrund
Renzo Gentile, Vertriebsleiter bei Mondo Toys: „Wir mussten den Zeitrahmen für Produktion und Lieferung anpassen.“

Einige Wochen später hörten wir von Renzo Gentile, Vertriebsleiter beim italienischen Hersteller Mondo Toys, dass fehlende Komponenten zu gravierenden Problemen bei ferngesteuerten Spielzeugen führen: „Wir mussten unsere Produktion und die Lieferzeiträume an die neue Situation anpassen. Für das Jahr 2022 haben wir es so gemacht, dass wir den Einkauf der elektronischen Teile und die Herstellung des Endprodukts um einige Monate verschoben haben. Leider deutet nichts darauf hin, dass sich die Lage kurzfristig bessern wird.“

Info

Mehr zu Spielzeugen, in die Chips eingebaut sind

Spielzeuge mit eingebauten Chips werden auf der Spielwarenmesse in Nürnberg innerhalb der Produktgruppe Elektronisches Spielzeug präsentiert. Hier erfahren Sie mehr über die Innovationen des Jahres.

Produktgruppe Elektronisches Spielzeug 2022

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