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Spielzeugmarkt UK: Überblick & Folgen des Brexit

Spielzeugmarkt UK

Produktmix im britischen Spielzeugmarkt

In Großbritannien spielen Lizenzen eine größere Rolle als in den meisten anderen Ländern. Das hat zum einen mit der enormen Auswahl an Unterhaltungsformaten für Kinder zu tun, die in englischer Sprache produziert werden, denn Englisch ist ja nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und anderen Regionen der Welt die Sprache der Wahl. Zum anderen nehmen es die Eltern in Großbritannien (leider) häufig mit den erzieherischen Pflichten nicht ganz so ernst. Nicht selten ist von „Plasma Parenting“ die Rede – dass man die Kinder vor einem Bildschirm parkt, damit sie Ruhe geben und den Eltern nicht auf die Nerven gehen.

Spielzeugfachhandel

Die größten Spielzeugeinzelhändler sind in Großbritannien Smyths Toys, Amazon und Argos (Argos gehört zu Sainsburys, einem Lebensmitteleinzelhändler). Amazon kennt ja jeder, da muss man nicht viel dazu sagen. Argos ist ein britischer Generalist, der durch seine Kataloge groß geworden ist - dicke Wälzer mit einer Auflage von über 20 Millionen Exemplaren. Mittlerweile hat sich Argos aber mehr und mehr zu einem Online-Händler gewandelt, und zwar nicht erst seit der Pandemie und dem Lockdown, und bietet Click & Collect, aber auch einen Lieferservice an. Smyths Toys ist ein Spielzeugfachhändler, der ein großes Sortiment an Spielwaren anbietet. Ursprünglich stammt das Unternehmen aus Irland, ist aber jetzt im ganzen Vereinigten Königreich und auch in Kontinentaleuropa präsent. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es in den mehr als 20 Jahren, in denen ich jetzt im Toy-Geschäft unterwegs bin, für mich immer spannend war zu beobachten, wie ein Unternehmen, das zwar auf der grünen Insel bekannt war, aber ansonsten keine große Rolle spielte, sich so eine starke Marktpräsenz in ganz Europa aufbauen konnte. Eine weitere Besonderheit des britischen Einzelhandels ist, dass es viel weniger unabhängige und inhabergeführte Spielwarengeschäfte gibt als in Deutschland oder den USA. Während es in Deutschland noch mehrere Tausend kleine Spielzeugläden gibt, sind es in ganz Großbritannien nur noch ein paar Hundert.

Was bedeutet der Brexit für den Spielzeugmarkt?

Das Thema, das das Vereinigte Königreich in den vergangenen Jahren am meisten bewegt hat, ist: der Brexit. Nachdem die Insel mehrere Jahrzehnte lang vom Projekt EU profitieren konnte, stimmten die Briten vor 5 Jahren nach einer äußerst hitzig geführten und langwierigen Debatte, die das Land in zwei Lager geteilt hatte, fürs „Leave“. Im Ergebnis ist Großbritannien nach Ablauf einer Übergangsfrist zum 31.12.2020 aus der EU ausgeschieden. 

Mehr als ein Jahr nach dem offiziellen Austrittsdatum stellt sich nun die Frage, welche Auswirkungen der Brexit auf die Spielwarenbranche gehabt hat. Wie hat er sich auf britische Unternehmen ausgewirkt, die ihre Produkte innerhalb der EU verkaufen wollen, und was ist mit den Herstellern aus der EU, die ihre Waren nach Großbritannien verkaufen wollen? Eigentlich sind es zwei Fragen, und zwar eine nach den kurzfristigen und eine andere nach den langfristigen Folgen. Die langfristigen Brexit-Folgen können jetzt sicherlich noch nicht abgeschätzt werden, aber eines ist klar: sie werden spürbar sein. Kurzfristig lässt sich Folgendes feststellen:

  1. Bürokratie & Lieferverzug – Warteschlangen an den Grenzen, viel Papierkram, Kuriersendungen, die von England nach Belgien länger brauchen als nach China – so sieht der Post-Brexit-Alltag aus. Klar ist, dass die logistische Seite schwierig war (und ist) und zu Verzögerungen bei der Aus- und Anlieferung von Waren geführt hat. Mit der Zeit dürfte es wieder glatter laufen, aber kurzfristig war dies ganz sicher eine der negativen Folgen des Brexit, die Spielzeugunternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals zu spüren bekommen haben.
  2. Lagerung – Für britische Unternehmen, die auch in die EU exportieren, war es sinnvoll, neben ihrem Lager für den Heimatmarkt auch Lagerkapazitäten in Kontinentaleuropa anzumieten. Besonders Belgien und die Niederlande sind hier beliebt, weil es dort viele große Häfen gibt, die gut und schnell von Großbritannien aus erreicht werden können. Auf diese Weise war die reibungslose Versorgung von EU-Kunden mit britischen Waren sichergestellt. Allerdings erhöhen sich dadurch die Gemeinkosten für die britischen Unternehmen beträchtlich, weil man jetzt ja an zwei Standorten Lager unterhalten und dafür sorgen muss, dass Lieferungen aus Asien bereits frühzeitig auf die entsprechenden Standorte verteilt werden. Hinzu kommt, dass die Transportkosten generell gestiegen sind.
  3. Qualitätssicherung/Zertifizierung – Jeder, der sich schon einmal mit der europäischen EN 71-Norm zur Sicherheit von Spielzeug auseinandergesetzt hat, weiß, dass es nicht so einfach ist, alle Anforderungen einzuhalten. Deswegen sollte jeder, der jetzt Güter nach Großbritannien verschiffen will, einen Spezialisten für Qualitätssicherung und Zertifizierung zu Rate ziehen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Es war sowieso schon kompliziert genug, und durch die Schaffung einer weiteren Aufsichtsbehörde, die spezifische Vorgaben für UK macht, wird es bestimmt nicht einfacher – für niemanden!

Im Großen und Ganzen hat der Brexit also das Leben für die Player in der Spielwarenbranche komplizierter gemacht. Weil der Brexit aber zeitlich mit der Corona-Pandemie zusammengefallen ist, die viel größeren Schaden angerichtet hat, fällt es vielleicht einfacher, den Brexit in den richtigen Kontext zu setzen. Es ist immer noch relativ einfach, Spielwaren aus der EU nach Großbritannien und umgekehrt zu verkaufen. Vielleicht erhöht sich der Verwaltungsaufwand. Aber das Geschäft mit Spielzeug ist ein People Business und die Menschen sind immer noch die Gleichen – auch wenn es jetzt die eine oder andere bürokratische Hürde zu überwinden gilt. Und auch wenn der Brexit aller Voraussicht nach zu großen sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwälzungen führen wird, muss es doch irgendwie weitergehen. Zumindest haben wir jetzt die Sicherheit, dass Großbritannien zukünftig definitiv nicht mehr zur Europäischen Union gehört oder, um es aus britischer Sicht zu sagen, dass wieder gilt: Continent isolated.

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